Vierter Rundbrief aus Curitiba

Freitag, 13. März 2009

Oi meine Lieben!

Gerade sitze ich hier mit Popkorn an meinem Schreibtisch und ich glaube, es ist mal wieder Zeit, dass ich ein bisschen berichte, was bei mir so los ist! Die Zeit rast jetzt plötzlich so und am 11. Juni fliege ich schon wieder zurück nach Deutschland. Aber es ist auch schon so viel passiert.

Neuigkeiten

Bei der Kinderbibelwoche in der Favela

Ende Januar habe ich bei einer Kinderbibelwoche in einer Favela (Slum) hier in Curitiba mitgeholfen. Dieses Projekt bietet ein Programm für Kinder an und Kurse für Frauen. Dort sind ebenfalls Kurzzeitmitarbeiterinnen von der Marburger Mission. Seit dieser Kinderbibelwoche helfe ich jetzt einmal pro Woche beim Kinderprogramm mit. Zwar muss ich bis dahin immer 1½ Stunden mit dem Bus fahren, aber diese Arbeit gefällt mir sehr gut, ist eine gute Abwechslung und ich bekomme neue Anregungen für meine Arbeit hier in ACRIDAS mit den Kindern.

Hier habe ich jetzt einen Tanzkurs für die älteren Kinder angefangen und das macht mir auch viel Freude, auch wenn es ziemlich schwer ist. Denn diesen Kurs zu geben, ist für mich in vielerlei Hinsicht eine ganz neue Erfahrung.

Kinder

Beim Malen mit den Kindern in ACRIDAS

Ich weiss jetzt schon, dass ich ein portuiesiches Wort für mein ganzes Leben nicht vergessen werde: Tia [Tschia] = Tante. »Tia, mehr Saft! … Tia, hilf mir! … Tia, komm her! … Hi Tia, alles klar? … Tia Melanie! … Sei entspannt, Tia! … TIAAA!!!« Wie oft hab ich das schon hier von den Kindern gehört?! :)

Damit ihr euch meine Arbeit ein bisschen besser vorstellen könnt, möchte ich jetzt mal ein bisschen genauer von ein paar meiner Kinder erzählen. Ich mag sie wirklich gern, mit ihren guten und schlechten Eigenschaften. Ich hoffe ich kann durch das, was ich hier tue, einen kleinen, guten Beitrag in ihrem Leben leisten.

Milena

Ein Mädchen, was mir hier sehr wichtig ist, ist Milena. Sie ist 3 Jahre alt, ihre leibliche Mutter kommt sie relativ regelmäßig besuchen und sie ist sehr schwierig. Sie ist für mich ein Bespiel von den Kindern, die eigentlich total lieb sein wollen, aber durch ihre Prägung sehr anstrengend sind. So ist sie ziemlich einnehmend, egoistisch und hört sehr schlecht auf das, was man ihr sagt. Dadurch ist sie ziemlich unbeliebt bei den Kindern und den Mitarbeitern hier in ACRIDAS. Aber ich habe sie total lieb, obwohl es oft kompliziert ist, mit ihr umzugehen, und man viel Gedult braucht. In der Zeit, die ich hier bin, konnte ich aber schon ein paar Veränderungen miterleben. Sie nuckelt am Tag nicht mehr am Daumen, macht selten nachts ins Bett und sie hatte die furchtbare Angewohnheit, mit ihren Ausscheidungen rumzuspielen. In ihrer biologischen Familie wurde sie halt sehr vernachlässigt. Nun ist sie einfach total liebesbedürftig, will Freunde haben und schön spielen, aber sie schafft es nicht. Deswegen braucht sie ganz viel Hilfe.

Alecson - sogar mit richtigem Trikot

Ganz anders ist Alecson. Als er hier nach ACRIDAS gekommen ist, hatte er schon eine kaputte Familie und eine gescheiterte Adoption hinter sich. Dann war er ca. ein ¾ Jahr hier und wurde dann wieder adoptiert. Er war einfach ein Sonnenschein und wurde von allen gemocht – so auch ich und seine Sozialeltern. Deswegen hatte seine Adoption dann zwei Seiten für uns, weil wir uns natürlich total gefreut haben, dass er endlich eine dauerhafte Familie gefunden hat, die sich individuell um ihn kümmern kann, aber auch ein gewisser Schmerz, dass er jetzt geht. Denn vorallem seine Sozial-Eltern haben ihn wie ihren eigenen Sohn gesehen und er war ein wichtiges Familienmitglied. Auch für meine Vormittage, wo ich mit den Kindern zusammen bin. Ich hoffe es geht ihm jetzt gut und er kann sein Leben gut meistern mit den vielen guten und schlechten Sachen die ihm passiert sind. Denn er hatte auch seine Schwierigkeiten. Von seinem Charakter oder z.B. hat er fast jede Nacht ins Bett gemacht, mit 4 Jahren. Mit diesen Dingen haben viele Kinder hier in ACRIDAS Probleme.

Durch die Arbeit in der Favela habe ich nochmal ganz neue Kinder kennengelernt. Die sind noch krasser, dass sie sich gegenseitig schlagen und beschimpfen und viel sexistischer denken, auch haben sie oft eine schlechtere Schulbildung (mit 12 noch nicht ordentlich lesen und schreiben) und können sich noch schlechter konzentrieren. Aber diese Kinder sind in ihrer biologischen Familie, die zwar oft nicht so gut ist, aber sie ist wenigstens in irgendeiner Form vorhanden.

Ein älteres Mädchen fällt beim Programm immer besonders auf: Bruna. Sie kann ihren Mund wahrscheinlich keine 5 Minuten zu behalten, denn sie hat zu allem was zu sagen. Ob sie dann der Tia eine Antwort gibt oder sie verbessert, den Kindern zuruft, dass sie endlich die Klappe halten sollen, sich mit irgendeinem Kind streitet oder sonstige ultrawichtigen Gespräche führt. :) Aber irgendwie kann man ihr trotzdem nie so ganz böse sein und das wollen wir auch gar nicht. Sie ist dann nämlich auch wieder ganz begeistert bei den Aktivitäten dabei und sorgt für einige Lacher. Und wenn man sie dann mal streng ermahnt, dann kommt sie nur zu einem umarmt einen und sagt: »Ach Tia war doch nicht so gemeint!« :)

Beziehungen

Nach dem Paintball-Spielen mit den Kurzzeitlerinnen Madlen und Hannah

Als Freunde sind mir die Kurzzeitlerinnen vom Projekt in der Favela wichtig, denn mit denen kann man sich einfach auf deutsch über die oft ähnlichen Erfahrungen und Probleme austauschen oder einfach zusammen etwas Schönes unternehmen. Leider sind zwei von ihnen schon wieder weg.

Ansonsten verstehe ich mich immernoch sehr gut mit den Leuten aus der Gemeinde und weiß jetzt schon, dass ich sie dann in Deutschland vermissen werde. Zu den Leuten hier in ACRIDAS habe ich auch ein sehr schönes Verhältnis, aber es ist zum großen Teil nur oberflächlich. Mit Katharina ist es ein auf und ab. Aber ich lerne durch sie sehr viel über meinen eigenen Charakter und wo ich noch an mir arbeiten kann.

Meine Beziehung zu Gott ist gerade davon geprägt, dass ich die langen Busfahrten zum Bibellesen nutze und da viele spannende Dinge finde. Dadurch wird zwar meine Fragen-Liste nur noch länger, aber ab und zu bekomme ich auch mal eine Antwort! :) Vorallem lese ich manchmal Dinge, die ich ganz konkret auf eine Situation hier anwenden kann.

Unternehmungen

Weihnachten in Brasilien mit Katharina und Louise

Ansonsten ist natürlich viel so drumherum passiert, wofür jetzt dieser Brief zu lang wäre!

Ich hatte eine schöne Feier zu Weihnachten, die halt nur nicht wie Weihnachten war. Ich habe die größten Wasserfälle der Welt bestaunt und dabei einen Abstecher nach Paraguay und Argentinien gemacht. Über Silvester war ich bei einer Missionarsfamilie, die mit Indianern arbeitet.

Ich bin öfters am Strand gewesen und hab mir immer schöne Sonnenbrände geholt und wurde von den Rettungsschwimmern regelmässig zurückgepfiffen. Ich hab schöne Filme im Kino gesehen und tolle Bücher gelesen. Ich war auf unterschiedlichen Feiern und einer Hochzeit, deren Feier in dem deutschen Restaurant »Kaffe Stube« war, wo ich dann Apfelstrudel essen konnte.

Wir hatten viel Besuch, denen wir Curitiba gezeigt haben. Ich war auf der Missionarskonferenz von der Marburger Mission, wo ich neu auftanken konnte. Ich hab in der Gemeinde Lobpreistanz gemacht und zu Karneval am Strand Samba getanzt.

Mit Bildern kann man die Schönheit dieses Ortes überhaupt nicht festhalten

Und dann war ich die letzten Tage auf einem Seminar zum Thema »allumfassende Mission«. Zwischendurch war ich dann auf meinem Lieblingsmarkt am Sonntagmorgen hier in Curitiba oder in einer Reggae- und einer Heavy-Metal-Kirche.

Allgemein

Also bisher bin ich sehr froh, dass ich diesen Einsatz mache, auch wenn es nicht immer einfach ist. Es ist interessant, dass ich hier am meisten über mich selber und meine Kultur lerne. Ein ganz großes Dankeschön nochmal an alle Spender. Das ist wirklich super, dass ihr mir auch durch euer Geld helft.

Dank

Gebetsanliegen